Zurück zur Home der Dreikönigsgemeinde

Evangelisch-Lutherische

DREIKÖNIGSGEMEINDE

Frankfurt am Main - Sachsenhausen

Predigten von Pfarrer Phil Schmidt: Lukas 2, 42 - 52 Auf die Fragen kommt es an

« Predigten Home

2. Sonntag nach dem Christfest

Auf die Fragen kommt es an Lukas 2, 42 - 52

Predigt gehalten von Pfarrer Phil Schmidt 2009 im Kirchsaal Süd

'The Finding of the Saviour in the Temple', William Holman Hunt, 1860

'The Finding of the Saviour in the Temple', William Holman Hunt, 1860

Und seine Eltern gingen alle Jahre nach Jerusalem zum Passafest. Und als er zwölf Jahre alt war, gingen sie hinauf nach dem Brauch des Festes. Und als die Tage vorüber waren und sie wieder nach Hause gingen, blieb der Knabe Jesus in Jerusalem, und seine Eltern wussten's nicht. Sie meinten aber, er wäre unter den Gefährten, und kamen eine Tagereise weit und suchten ihn unter den Verwandten und Bekannten. Und da sie ihn nicht fanden, gingen sie wieder nach Jerusalem und suchten ihn. Und es begab sich nach drei Tagen, da fanden sie ihn im Tempel sitzen, mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte. Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten. Und als sie ihn sahen, entsetzten sie sich. Und seine Mutter sprach zu ihm: Mein Sohn, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht. Und er sprach zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist? Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte. Und er ging mit ihnen hinab und kam nach Nazareth und war ihnen untertan. Und seine Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen. Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen. (Lukas 2, 42 - 52)

In England und Amerika versuchen Kirchengemeinden durch auffällige Werbungs-Sprüche Aufmerksamkeit zu erwecken. In Schaukästen sieht man Sprüche, wie z. B. „Zweifler willkommen“ Oder: „Vermeiden Sie das Weihnachtsgedränge; suchen Sie uns vor Weihnachten auf.“ Und es gab eine Gemeinde in Kalifornien, die in den 70er Jahren in ihrem Schaukasten den folgenden Werbespruch veröffentlichte: „Es mag sein, dass wir keine Antworten haben, aber wir stellen tolle Fragen.“

Als ich das gelesen hatte, dachte ich zuerst, dass dieses Angebot ziemlich mager klingt. Aber inzwischen habe ich gelernt, wie ausschlaggebend es ist, gute Fragen zu stellen.

Es gab einen Wissenschaftler mit dem Namen Isidor Rabi, der 1944 den Physik-Nobelpreis gewann (für die Entwicklung der Resonanzmethode zur Untersuchung von magnetischen Eigenschaften des Atomkerns). Einmal wurde er von einem Freund gefragt, warum er Wissenschaftler geworden war. Er antwortete, dass seine Mutter ihn stark beeinflusst hatte. Jeden Tag nach der Schule fragte sie ihn, wie sein Schultag abgelaufen war. Sie war nicht so sehr daran interessiert, was er gelernt hatte. Sondern sie fragte immer wieder: „Hast du heute eine gute Frage gestellt?“ Und dieser Physiker sagte: „Indem ich lernte, gute Fragen zu stellen, bin ich Wissenschaftler geworden.“

Aber auch ein Mensch, der im Glauben leben und wachsen will, muss lernen, gute Fragen zu stellen. Etwas, was ich immer wieder erlebt habe, ist, wie außerordentlich wichtig gute Fragen sind.

Zum Beispiel: in der früheren Südgemeinde hatten wir einen Bibelgesprächskreis. In einer solchen Gruppe gibt es Hunderte von Fragen, die in den Herzen der Teilnehmenden versteckt sind; aber sie bleiben weitgehend unausgesprochen, entweder weil es an Neugier fehlt oder weil Menschen Angst haben, sich zu blamieren – z. B. mit einer Frage, die vor den Anderen vielleicht als einfältig oder als ketzerisch gelten könnte. Aber es gab in dieser Bibelgruppe eine ältere Frau, die ungeniert ihre Fragen stellte, ohne Rücksicht darauf, was andere dabei denken könnten. Diese Frau stellte Fragen, die uns als Gruppe in Bewegung brachten. Sie stellte eindringliche Fragen, sie stellte ketzerische Fragen, sie stellte sogenannte „dumme“ Fragen, obwohl es natürlich keine dummen Fragen gibt. Und sie stellte ihre Fragen nicht bloß, weil sie sich interessant machen wollte, sondern weil sie wirklich neugierig war und weil sie zu dem festen Grund ihres Glaubens vordringen wollte. Diese Frau hatte die Mentalität einer Wissenschaftlerin, denn für sie war nichts selbstverständlich: sie wollte wissen, ob Glaubensinhalte eine zuverlässige biblische Grundlage haben und ob sie wirklich durchdacht sind. Wegen dieser Frau war dieser Bibelgesprächskreis der beste, den ich jemals erlebt habe. Eine solche Fragestellerin ist unermesslich wertvoll für eine Kirchengemeinde. Denn eine Kirchengemeinde lebt nicht nur von Antworten, sondern vielmehr von guten Fragen.

Der Lukastext, der für heute vorgesehen ist, bestätigt, wie wichtig es ist, Fragen zu stellen. In diesem Text hören wir die allerersten Worte, die von Jesus berichtet wurden. Und seine erste Aussage ist eine Frage:

Warum habt ihr mich gesucht? Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?

Diese Frage gibt den Ton an für das ganze Leben Jesu. Jesus war ein fragender Mensch. Die Frage an seine Eltern: „Warum habt ihr mich gesucht?“ ist nicht die Frage eines Kindes, das unartig war, sondern hinter dieser Frage steckt göttliche Autorität, die zur Selbstprüfung anregen will.

Das Leben Jesu begann mit einer Frage, und sein Leben endete mit einer Frage: „Mein Gott, mein Gott, wozu hast du mich verlassen?“ Zwischen Anfang und Ende stellte er immer wieder Fragen an seine Gesprächpartner. Und diese Haltung hat etwas mit dem Judentum zu tun.

Jesus war im Judentum verwurzelt und es gehört zu der Erziehung jüdischer Kinder, dass sie lernen, Fragen zu stellen. Der heutige Lukastext beginnt mit der Feststellung:

Und seine Eltern gingen alle Jahre nach Jerusalem zum Passafest. Und als er zwölf Jahre alt war, gingen sie hinauf nach dem Brauch des Festes.

Jesus ist mit dem Passafest aufgewachsen. Das Passafest beginnt mit vier vorformulierten Fragen, die der Jüngste am Tisch zu stellen hat. Das sind Fragen, die Jesus als Kind lernen musste. Bei diesen vier Fragen geht es um ein Rollenspiel. Der Fragesteller spielt vier Persönlichkeiten: er stellt eine kluge Frage, er stellt eine bösartige Frage, er stellt eine einfältige Frage und er spielt die Rolle eines Hilflosen, der nicht weiß, was er fragen sollte. Dass es diese Sitte zur Zeit Jesu gab, ist eindeutig, denn in dem 13. Kapitel des Johannesevangeliums spielt Petrus diese vier Rollen und stellt vier Fragen nach dem Passa-Muster. Durch diese Passa- Fragen lernen Kinder, dass es darauf ankommt, alle Sorten von Fragen zu stellen. Nicht nur schlaue Fragen werden gebraucht, sondern auch bösartige, einfältige und unmündige Fragen sind notwendig, damit Glaubensinhalte ausgelegt werden.

Fresco 'Jesus im Tempel', Giovanni Dall'Orto, April 2007.

Fresco 'Jesus im Tempel', Giovanni Dall'Orto, April 2007.

Dass Jesus schon als Kind gelernt hatte, Fragen zu stellen, wird in dem Lukastext ausdrücklich erwähnt, wo es heißt:

...da fanden sie ihn im Tempel sitzen, mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte.

Die allerersten Tätigkeiten Jesu, von denen berichtet wird, sind Zuhören und Fragen. Ein jüdischer Ausleger des Neues Testamentes sieht in diesem Gespräch Jesu mit den Schriftgelehrten im Tempel einen Vorgang, der zu der Tradition des Judentums gehört. Der Vorgang wird in Hebräisch mit dem Begriff „Scheilot“ (= Fragen) bezeichnet. Gemeint ist eine Auseinandersetzung um ein biblisches Gebot, die mit eindringlichen Fragen eingeleitet wird.

Es gibt in dem Markusevangelium ein Beispiel für eine solche innerjüdische Auseinandersetzung. Es ging um folgende Situation: Jesus war am Sabbat in einer Synagoge; anwesend war ein Mann mit einer verkrüppelten Hand. Auch dabei waren Pharisäer, die darauf lauerten, ob Jesus am Sabbat eine Heilung vollziehen würde, damit sie einen Grund hätten, ihn anzuklagen. In dieser Situation stellte Jesus laut eine Frage:

Soll man am Sabbat Gutes tun oder Böses tun, Leben erhalten oder töten?

Dies war keine rhetorische Frage, sondern eine echte Frage der Bibelauslegung, über die es im Judentum unterschiedliche Ansichten gab. Jesus wollte mit dieser Frage eine offene Diskussion einleiten, ob es nach den biblischen Geboten erlaubt wäre, am Sabbat einen Mann mit einer verkrüppelten Hand zu heilen. Es geht dabei um ein Prinzip der Auslegung, dass Leben erhalten Priorität hat vor dem Arbeitsverbot des Sabbats. Aber die Pharisäer ließen sich nicht auf eine Diskussion ein. Es heißt:

Sie aber schwiegen still. Und er (Jesus) sah sie ringsum an mit Zorn und war betrübt über ihr verstocktes Herz.

Die Pharisäer behielten ihre Fragen für sich. Sie waren nicht bereit, ihre Fragen offen auszusprechen. Und ihre unausgesprochen Fragen vergifteten ihre Herzen, denn nach der Sabbatheilung trachteten sie danach, Jesus umzubringen. Hier sehen wir: es kann manchmal eine todbringende Sünde sein, die Fragen, die im Herzen lauern, für sich zu behalten und nicht auszusprechen.

Die Bibel macht immer wieder deutlich, dass alle Fragen erlaubt sind. Die Bibel bezeugt, dass es erlaubt ist, Fragen an Gott zu stellen, die dreist und unverschämt sind. Die Propheten und die Psalmisten nahmen kein Blatt vor den Mund. Viel verheerender ist es, wenn Fragen versteckt bleiben: ungestellte Fragen können eine lähmende, vergiftende, verstockende Wirkung haben.

Es gab in einem kleinen Dorf in Polen eine Synagoge. Während des Gottesdienstes fiel ein Mann auf, Schneider von Beruf, der den Gottesdienst störte: er schimpfte, er führte laute Selbstgespräche, er schüttelte seine Faust, er störte die Menschen neben ihm. Nach dem Gottesdienst ging der Rabbi auf ihn zu und frage ihn, was los war. Der Schneider antwortete: „Ich habe mit Gott geschimpft. Ich sagte zu Ihm. „Ich weiß, dass ich nicht vollkommen bin. Manchmal vergesse ich, ein Tischgebet zu sprechen. An manchen Tagen spreche ich meine Gebete schnell und oberflächlich. Manchmal habe ich den Kunden betrogen, indem ich etwas an Material zurückgehalten hatte, für die er bezahlt hatte, die ich aber für meine Kinder brauchte. Aber Du, Gott: du nimmst Kinder von ihren Müttern weg. Junge Männer sterben auf dem Schlachtfeld eines Krieges. Menschen sterben frühzeitig wegen Krankheit. Wie kannst du das alles zulassen? Also bin ich bereit, mit dir eine Abmachung zu treffen: Wenn du meine Verfehlungen vergibst, werde ich auch deine vergeben.“ Dann fragte der Schneider den Rabbi. „Habe ich etwas Falsches getan?“ Der Rabbi erwiderte: „Mein Freund, du hattest so viele gute Fragen. Warum hast du Gott so leicht davonkommen lassen?“

Unsere Aufgabe ist es, die Fragen im Herzen an Gott zu richten, egal wie abartig oder frech diese Fragen sind. Man darf Gott nicht leicht davonkommen lassen, sondern bei ihm beharrlich nachhaken, bis er antwortet. Aber nicht nur bei Gott. Die christliche Gemeinschaft braucht Menschen, die ihre Fragen offen aussprechen. Gute Fragen sind unermesslich kostbar. Gute Fragen sind Geistesgaben. Die schönsten Gespräche, die schönsten Konfirmandenstunden entstehen, wenn eindringliche Fragen gestellt werden, Fragen, die aus Neugier entstehen, Fragen, die ernst gemeint sind, bei denen der Fragesteller wirklich eine Antwort haben möchte.

Christlicher Glaube wird oft klischeehaft mit Nächstenliebe gleichgesetzt. Aber christlicher Glaube besteht nicht nur aus Nächsten- oder Feindesliebe, sondern er ist auch eine leidenschaftliche und kompromisslose Suche nach Wahrheit. Jesus hat als 12-jähriges Kind vorgeführt, wie wichtig es ist, Fragen öffentlich auszusprechen. Denn Fragen führen zu Klarheit und setzen Kraft frei. Fragen sind Schlüssel, die alles aufschließen.

Möge Gott uns helfen, die Fragen zu entdecken, die in uns stecken und sie offen auszusprechen.

Das Fresco 'Jesus im Tempel', Giovanni Dall'Orto, April 2007, ist urheberrechtlich geschützt. Der Urheber gestattet jedermann unter der Bedingung der angemessenen Nennung seiner Urheberschaft (beispielsweise in der Bildunterschrift) jegliche Nutzung. Weiterverbreitung, Bearbeitung und kommerzielle Nutzung sind gestattet.
Das Kunstwerk 'The Finding of the Saviour in the Temple', William Holman Hunt, 1860 ist im public domain, weil sein copyright abgelaufen ist.

^ Zum Seitenanfang

PSch