Gottesdienst Anders - Inszenierung und Ansprache
Gottesdienst Anders:
18. Sonntag nach Trinitatis: Inszenierung und Ansprache - 11. Oktober 2009 im Kirchsaal Süd
Inszenierung
M: Manager eines Kaufhauses
S: Sekretärin
J: Jesus (?): oder jemand, der im Auftrag Jesu auftritt.
S geht in das Büro von M.
S: Guten Morgen, Frau Kaufmann. Ich habe hier Einiges, dass Sie bitte unterschreiben sollten. Und ich wollte Sie an einige Termine erinnern
M: Danke, Frau Schneider. Aber ich habe es eilig heute Morgen. Irgendein religiöser Typ will mich besuchen – wegen des bevorstehenden verkaufoffenen Sonntags. Ich konnte ihn leider nicht abwimmeln.
(Es klopft; S geht hin)
S: Ja, bitte. Was kann ich für Sie tun?
J: Ich habe einen Termin mit Frau Kaufmann.
S: Darf ich nach Ihrem Namen fragen?
J: Sagen Sie einfach, dass ich jemand bin, der es gut mit ihm meint.
(S führt ihn herein; M und J geben einander die Hand.)
S: Ja, bitte. Was kann ich für Sie tun?
J: Ich habe einen Termin mit Frau Kaufmann.
S: Darf ich nach Ihrem Namen fragen?
J: Sagen Sie einfach, dass ich jemand bin, der es gut mit ihm meint.
M: Ja, vielen Dank für Ihr Interesse an unserem Kaufhaus. Wenn ich das richtig verstanden habe, wollten Sie mit mir über den verkaufsoffenen Sonntag im nächsten Monat reden. Darf ich fragen, wen Sie vertreten? Gehören Sie zu einer Kirche?
J: Ich gehöre zu vielen Kirchen. Aber ich komme zunächst in meinem eigenen Namen zu Ihnen. Ich möchte ihnen helfen, Ihre Entscheidung zu überdenken.
M: Also wollen Sie versuchen, den verkaufsoffenen Sonntag rückgängig zu machen.
J: Ich will Ihnen helfen, die bestmögliche Entscheidung zu finden.
M: Ich nehme an, Sie werden mir die Bibel zitieren. Ich kenne ja die Stelle: „Du sollst den Sabbat heiligen.“
J: Sind Sie Jude?
M: Warum?
J: Ich frage nur, weil bibeltreue Juden sich verpflichtet fühlen, von Freitagabend bis Samstagabend nicht zu arbeiten, so steht es im 2. Buch Mose. Wenn Sie Jude wären, müssten Sie überlegen, ob Sie Ihr Kaufhaus von Freitagabend bis Samstagabend schließen sollten.
M: Um Gottes willen – da können wir doch nicht schließen!....Nein, Jude bin ich nicht. Ich bin evangelisch – das heißt: ausgetreten bin ich nicht, ich zahle Kirchensteuer. Allerdings renne ich nicht jeden Sonntag in die Kirche. Ich bin gläubig auf meine Weise. Ich nehme an, Sie werden jetzt sagen, dass ich als Evangelischer verpflichtet bin, den Sonntag als Ruhetag einzuhalten.
J: So einfach ist das nicht. Wären Sie Jude, hätten Sie eine glasklare Vorschrift gehabt. Für Christen ist das weniger konkret geregelt.
M: Ach? Ich dachte, wir haben dieselbe Bibel wie die Juden. Warum gilt dann nicht dasselbe für uns?
J: Für Christen gibt es auch noch das Neue Testament. Danach ist der Sonntag wichtig wegen der Auferstehung am ersten Ostermorgen. Christen feiern diese Auferstehung jeden Sonntag. Das Thema Arbeitsruhe ist für den Sonntag zunächst nicht eindeutig geklärt worden. Arbeiten ist nicht ausdrücklich verboten. Für die ersten Christen war der Sonntag sowieso ein Arbeitstag, sie mußten sich früh treffen.
M: Aha, da kann ich mich auf Tradition berufen, wenn ich mein Kaufhaus am Sonntag öffne!
J: Eigentlich nicht. Vielleicht können Sie etwas von den Juden lernen. Bei der Sabbatruhe geht es darum, zu bezeugen, dass man kein Sklave ist, sondern zu einem Gott gehört, der Sklaven freigesetzt hat. Was ein Sklave kennzeichnet, ist, dass er einen ganzen Tag nicht ruhen darf. Und heutzutage sind vielen Menschen wie versklavt, weil sie meinen, dass sie sich einen Ruhetag nicht leisten können.
M: Verstehe ich Sie richtig: ich muss einen ganzen Tag ruhen, sonst bin ich ein Sklave?
J: Es geht nicht nur um einen beliebigen Ruhetag: es geht um einen Tag, den Gott selber geweiht hat. Nicht der Mensch bestimmt den geweihten Tag, sondern Gott. Und die Heiligung des Sabbats durch Ruhe oder des Sonntags durch den Gottesdienst bezeugt, ob ein Mensch zu Gott gehört, oder sich zum Sklaven eines Wirtschaftssystems macht, so dass er nie zur Ruhe kommt.
M: Jetzt haben Sie einen neuen Begriff in die Diskussion eingeführt: „heiligen“. Was soll das bedeuten?
J: Heilig heißt einfach: „Gott geweiht“, „für Gott abgesondert“. Was für Sie „heilig“ ist, hängt von Ihren Entscheidungen ab. Deswegen wollte ich Ihnen helfen, über die Frage nachzudenken, inwieweit der Sonntag geheiligt werden könnte. So viel ich weiß, wird Ihr Kaufhaus erst ab 13 Uhr am Sonntag geöffnet. Das heißt: die traditionellen Gottesdienstzeiten werden dadurch nicht beeinträchtigt. Das ist schon etwas.
M: Dann ist es ja gut. Das reicht doch: Der Vormittag ist frei.
J: Es geht nicht nur um das Ergebnis. Mir ist wichtig, warum Sie sich so entscheiden.
M: Weshalb? Ich dachte sowieso, daß ich als Evangelischer nicht dazu verpflichtet bin, biblische Gebote streng zu beachten. Wir sind doch da großzügiger...
J: Meinen Sie? Warum sollte man sich denn überhaupt an Gebote halten?
M: Na, ja... Wohl kaum, um in den Himmel zu kommen. Vielleicht weil die Menschen dann friedlicher zusammenleben? Gemeinsame Werte haben?
J: Ist das alles?
M: Ich habe darüber noch nie so genau nachgedacht. An die Gesetze meines Landes halte ich mich jedenfalls, damit es keinen Ärger gibt. (Trotzig:) Und danach darf ich am Sonntag das Kaufhaus ja auch öffnen!
J: Ich will Ihnen ein Gleichnis geben: ...
M: (unterbricht) Ein was??
J: Ach ja, das sagt man heute nicht mehr so. Also ein Beispiel: Was würden Sie von einem Pfarrer halten, der sein Leben lang predigt, daß man nicht stehlen darf. Und irgendwann stellt sich heraus, er hat sich regelmäßig aus dem Klingelbeutel bedient?
M: Dem würde ich nicht mehr zuhören. Der glaubt ja selbst nicht, was er sagt. So einer ist unglaubwürdig!
J: Eben. Mit seinem Tun hätte er Gott nicht geheiligt. Aber es geht nicht allein um Pfarrer. Jeder Mensch sollte seinen Glauben ehrlich und verläßlich bezeugen. Damit heiligt man, woran man glaubt. Darauf kommt es an. Wie können Sie das Feiertagsgebot glaubwürdig bezeugen?
M: Sie haben doch gesagt, es gibt keine eindeutige Vorschrift. Wie soll ich das also entscheiden?
J: Nehmen Sie sich noch einmal Zeit, alles abzuwägen. Ich habe ja schon gesagt: Ich will, daß Sie Ihre Entscheidung überdenken. Was machen Sie zum Beispiel diesen Sonntag?
M: Was jeder halt macht: ausschlafen, gemütlich frühstücken, die Sonntagszeitung lesen.
J: In Ordnung. Zur Ruhe zu kommen, gehört zum Feiertag. Aber gehen Sie doch auch mal wieder in einen Gottesdienst?
M: Warum das denn?
J: Vielleicht lernen Sie so einen neuen Weg kennen, den Feiertag zu heiligen? Jeder Sonntag ist ein Auferstehungsfest. Überlegen Sie, was Ihren Sonntag zum Festtag macht. Und den Ihrer Mitarbeiter und Kunden.
M: Das kommt mir reichlich übertrieben vor, was Sie da vorschlagen. Meine Familie würde denken, dass ich spinne, dass ich auf einmal ein religiöser Freak geworden bin.
J: Wäre das so schlimm? Wer weiß: Vielleicht kommt Ihre Familie sogar mit?
M: Na ja, ein Versuch kann vermutlich nicht schaden. Aber zuerst muss ich überlegen, wie ich zu der Auferstehung stehe, wenn so viel davon abhängt. Ich muss über Vieles erst einmal nachdenken. Wo fange ich an?
J: Darf ich einen Vorschlag machen: lesen sie die Auferstehungsberichte im Neuen Testament. Um Entscheidungen über den Sonntag zu treffen, muss man zuerst wissen, was an einem ganz bestimmten Sonntag passiert ist.
M: Sie bringen mich ganz durcheinander. Wo soll ich die Zeit finden, um die Bibel zu lesen?
J: Dafür ist z. B. der Sonntag da.
Die Photographie 'Central Plaza Lat Phrao Shopping Center', Jarcje, 2007, wurde unter den Bedingungen der Creative Commons "Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported"-Lizenz veröffentlicht.
Die Photographie 'ATRIO shopping center in Villach, Carinthia, Austria', 2007, Johann Jaritz, wurde unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation veröffentlicht.
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PSch